Zurück zu Artikeln
Interviewvorbereitung8 Min. Lesezeit

Darfst du KI im Vorstellungsgespräch nutzen? Regeln und Ausnahmen

Erfahre, wie sich eigenes Üben vor dem Interview von KI-Hilfe während des Gesprächs unterscheidet. Vergleiche veröffentlichte Arbeitgeberrichtlinien, kläre Regeln für Auswahlaufgaben und bereite dich auf eigenständige Antworten bei Interviews in Europa oder Nordamerika vor.

Bevor du KI in einem Vorstellungsgespräch nutzt, prüfe, ob genau diese Anwendung in genau dieser Auswahlrunde erlaubt ist. Vorab für dich zu üben, während des Gesprächs Antworten generieren zu lassen und eine Auswahlaufgabe mit ausdrücklich erlaubter KI-Nutzung zu bearbeiten, sind unterschiedliche Dinge. Die Erlaubnis für eines gilt nicht automatisch auch für die anderen.

Diese Unterscheidung ist bei Bewerbungen in Europa ebenso wichtig wie in Nordamerika. Der Standort eines Unternehmens, seine Begeisterung für KI oder die eingesetzte Interviewsoftware geben dir keine verlässliche Auskunft darüber, welche Regeln für Bewerber gelten.

Du sollst deine Erfahrung und dein Urteilsvermögen unter den vereinbarten Bedingungen zeigen. Bereite dich darauf vor, eigenständig zu antworten, kläre unverständliche Regeln und unterscheide zwischen Hilfsmitteln für eine barrierefreie Teilnahme und Tools, die dir Antworten liefern.

Was bedeutet „KI im Vorstellungsgespräch nutzen“ eigentlich?

Damit können drei sehr unterschiedliche Situationen gemeint sein: Ein Arbeitgeber setzt ein automatisiertes Interview ein, ein Bewerber übt vorher mit einem Simulator oder ein Bewerber erhält Unterstützung, während seine Leistung bewertet wird.

Ein automatisiertes Interview allein erlaubt dir nicht, deine Antworten mit einem anderen Tool zu generieren. Ebenso ist es etwas anderes, vor dem Termin zu üben, wie du deine Erfahrungen schilderst, als während des Gesprächs eine Software auf Fragen antworten zu lassen.

Mehr über das vom Arbeitgeber eingesetzte Format erfährst du hier: Was dich bei einem KI-gestützten Screening-Interview erwartet. Dieser Leitfaden behandelt die Frage, welche Hilfsmittel du als Bewerber nutzen darfst.

Was veröffentlichte Arbeitgeberrichtlinien zeigen

Die folgenden Richtlinien wurden am 18. Oktober 2026 geprüft. Sie sind Beispiele einzelner Arbeitgeber und keine Regeln für sämtliche Unternehmen in den Ländern, in denen diese Arbeitgeber einstellen.

SAP: Die Hinweise für Bewerber unterscheiden zwischen Vorbereitung und bewerteter Leistung. Sie verbieten KI-Unterstützung in Echtzeit bei Video- und Telefoninterviews sowie bei Interviews mit aufgezeichneten Antworten. KI-Hilfe während Online-Auswahltests wird als Täuschung eingestuft. Die Hinweise lehnen außerdem erfundene Qualifikationen und das Ersetzen eigener Beiträge durch generierte Antworten ab.

Instacart: Die Richtlinien erlauben die Vorbereitung mit KI, verbieten ihren Einsatz aber in Live-Interviews, sofern du nicht ausdrücklich im Rahmen einer Präsentation deiner Fähigkeiten dazu aufgefordert wirst. Für das Auswahlverfahren für Senior-Softwareentwickler wird eine konkrete Ausnahme genannt: die Runde Karat Next Gen. Dort ist KI erlaubt, und Bewerber werden dazu ermutigt, sie zu nutzen. Diese Ausnahme gilt nicht für alle Runden.

St. James's Place: Die Hinweise für Berufseinsteiger erlauben Unterstützung bei Ideen, Struktur und Vorbereitung. Zugleich warnen sie vor erfundenen Erfahrungen, vollständig generierten Antworten und schematischen, vorgefertigten Texten.

Daraus lässt sich weder pauschal „KI ist verboten“ noch „KI wird inzwischen erwartet“ ableiten. Prüfe die Richtlinie und die Einladung für deine konkrete Stelle, den Standort und die Auswahlrunde. Wenn sie sich zu widersprechen scheinen, bitte den Recruiter um Klärung, bevor du fortfährst.

Prüfe die Regeln für jeden einzelnen Schritt

Phase

Was du klären solltest

So gehst du vor

Eigenes Üben zur Vorbereitung

Ob das Material öffentlich ist oder du es weitergeben darfst.

Übe mit tatsächlichen Erfahrungen und öffentlichen Informationen zur Stelle; überprüfe Vorschläge.

Live-Interview

Ob Unterstützung in Echtzeit überhaupt erlaubt ist.

Lass Tools zur Antwortgenerierung ausgeschaltet, sofern genau dieser Einsatz nicht ausdrücklich erlaubt ist.

Interview mit aufgezeichneten Antworten oder Onlinetest

Die Vorgaben für die Auswahlaufgabe, einschließlich externer Hilfe.

Verwechsle fehlende Aufsicht nicht mit einer Erlaubnis.

Aufgabe zur Bearbeitung zu Hause

Regeln für Recherche, Überarbeitung, Codegenerierung, Zusammenarbeit und die Angabe verwendeter Hilfsmittel.

Frage nach fehlenden Details, bevor du ein Tool nutzt.

Praxisrunde mit ausdrücklich erlaubter KI-Nutzung

Die freigegebene Arbeitsumgebung, zulässige Eingaben und Anforderungen an deine Erläuterungen.

Nutze die vereinbarten Tools und übernimm die Verantwortung dafür, das Ergebnis zu prüfen.

Ein „Open-Book“-Format erlaubt nicht zwangsläufig den uneingeschränkten Einsatz von KI. Die Erlaubnis, zu einem Problem zu recherchieren, ist nicht automatisch die Erlaubnis, eine generierte Lösung einzureichen.

Frage konkret nach, statt nur „Ist KI okay?“ zu fragen

Lies zuerst den Bewerberleitfaden, die Einladung, die Aufgabenbeschreibung und etwaige Vertraulichkeitsvorgaben. Frage dann nach der konkreten Funktion des Tools. Vor dem Gespräch Ideen zu sammeln, Sprache zu transkribieren und Antworten zu generieren, sind unterschiedliche Anwendungen.

„Könnten Sie vor der Runde [Name der Runde] bestätigen, welche Hilfsmittel erlaubt sind? Ich möchte die Regeln für [konkrete Funktion, etwa Codevorschläge oder Internetrecherche] klären. Gibt es Einschränkungen beim Tool oder bei der Weitergabe des Aufgabenmaterials, und muss ich die Nutzung offenlegen?“

Bewahre die Antwort zusammen mit deinen Vorbereitungsnotizen auf. Frage erneut nach, wenn die Vorgaben für eine spätere Runde abweichen. Wenn ein Recruiter Recherche für eine Aufgabe zu Hause erlaubt, ist damit nicht zwangsläufig auch Unterstützung im anschließenden Gespräch genehmigt.

Wenn du bis zum Beginn des Termins keine Klärung erhalten hast, sprich die Frage an, bevor die bewertete Arbeit beginnt. Schalte keine nicht genehmigte Hilfe ein, um die Regeln erst hinterher zu klären.

Übe so, dass du weniger auf Hilfe angewiesen bist

Beginne mit einer Frage, die zur Stelle passt, und beantworte sie selbst. Wenn du zuerst eine KI-generierte Musterantwort liest, übst du womöglich die Formulierungen eines anderen, statt auf deine eigene Erfahrung zurückzugreifen.

Nutze einen einfachen Übungsablauf:

  1. Antworte ohne Hilfe. Erkläre die Situation, deinen Verantwortungsbereich, deine Entscheidungen und das Ergebnis.

  2. Finde die Schwachstelle. War deine Antwort vage, zu lang oder blieb unklar, was du persönlich getan hast?

  3. Verbessere die Struktur, ohne die Fakten zu verändern. Übernimm keine erfundenen Kennzahlen, Aufgaben oder Fachkenntnisse.

  4. Beantworte eine neue Nachfrage. Erkläre eine Abwägung, einen Fehler oder was du anders machen würdest, ohne einen vorbereiteten Text abzulesen.

Der letzte Schritt zeigt, ob du deine Erfahrung erklären kannst oder nur den Absatz kennst. Die STAR-Methode hilft dir, die Geschichte zu ordnen und bei der Wortwahl flexibel zu bleiben.

Wenn das Gespräch in einer Fremdsprache stattfindet, übe auch in dieser Sprache. Vereinfache die Sätze, bis du denselben Gedanken natürlich ausdrücken kannst. Eine bessere Vorbereitung ist etwas anderes als der Einsatz von Live-Übersetzung oder Antwortgenerierung in einer Aufgabe, die deine Sprachkenntnisse bewertet. Kläre die Regeln dafür gesondert.

Was du tun solltest, wenn KI ausdrücklich erlaubt ist

Auch in einer Runde, in der KI erlaubt ist, musst du die Aufgabe verstehen. Frage, welche Tools und Konten freigegeben sind, ob externe Dienste das Material erhalten dürfen und wie du der bewertenden Person deinen eigenen Beitrag erläutern sollst.

Prüfe bei einer Programmieraufgabe die generierten Änderungen und ihre Annahmen, führe geeignete Tests aus und erkläre, welche Vorschläge du annimmst oder ablehnst. Wenn eine vorgeschlagene Implementierung beispielsweise fehlende Werte als den Zahlenwert null behandelt, kläre zuerst, ob dieses Verhalten den Anforderungen entspricht, bevor du darauf aufbaust.

Dasselbe Prinzip gilt außerhalb der Softwareentwicklung. Trenne bei einer betriebswirtschaftlichen Fallaufgabe die bereitgestellten Daten von deinen Annahmen. Prüfe bei einer Präsentation jede Tatsachenbehauptung. Ein überzeugend wirkendes Ergebnis ist kein Beleg dafür, dass die Antwort tatsächlich richtig ist.

Verschweige nicht, wo die Unterstützung einen Unterschied gemacht hat. Zu erklären, wie du ein Ergebnis geprüft hast, sagt mehr aus, als den Eindruck zu erwecken, du hättest alles ohne Hilfe erstellt, obwohl die Aufgabe Tools ausdrücklich zuließ.

Für Aufgaben zu Hause gelten eigene Regeln

Lies die Aufgabenbeschreibung, bevor du anfängst. Prüfe, ob der Arbeitgeber zwischen Korrekturlesen, Ideensammlung, Recherche und Generierung unterscheidet. Gehe nicht davon aus, dass ein Tool, das du in deinem aktuellen Job regelmäßig nutzt, auch in der Auswahlaufgabe eines anderen Arbeitgebers erlaubt ist.

Wenn du verwendete Hilfsmittel angeben sollst, beschreibe ihren tatsächlichen Beitrag:

„Ich habe [freigegebenes Tool] genutzt, um Testfälle vorschlagen zu lassen. Die Implementierung habe ich selbst geschrieben, passende Fälle ausgewählt, ihre erwarteten Ergebnisse geprüft und Vorschläge entfernt, die nicht zur Spezifikation passten.“

Verwende diese Beschreibung nur, wenn sie stimmt. Eine Offenlegung macht eine verbotene Handlung nicht nachträglich zulässig. Bewahre genug Notizen auf, um dein Vorgehen erklären zu können, aber behalte vertrauliches Aufgabenmaterial nur in dem Umfang und für die Dauer, die der Arbeitgeber erlaubt.

Der Leitfaden zur Vorbereitung auf eine Arbeitsprobe im Bewerbungsverfahren behandelt auch die übergeordneten Schritte: den Umfang klären, Prioritäten setzen und deine Entscheidungen besprechen.

Kläre Barrierefreiheit, Transkription und Aufzeichnung getrennt

Untertitel, Screenreader und die Umwandlung von Sprache in Text sollten nicht vorschnell mit Tools gleichgesetzt werden, die Antworten auf Interviewfragen liefern. Besprich mit dem Recruiting-Team oder der Ansprechstelle für Barrierefreiheit, welche Funktion du benötigst und welche Lösungen verfügbar sind.

Beschreibe die benötigte Unterstützung, ohne unnötige persönliche Einzelheiten preiszugeben. Zum Beispiel: „Ich brauche genaue Untertitel, um dem Gespräch folgen zu können. Bietet die Plattform diese an, oder können wir eine Alternative vereinbaren?“

Prüfe, ob ein vorgeschlagenes Tool zusätzlich aufzeichnet, zusammenfasst, Inhalte hochlädt oder generiert. Eine Vereinbarung über Untertitel klärt diese anderen Funktionen nicht automatisch mit. Füge dem Termin kein nicht genehmigtes Aufnahmebot hinzu, nur weil deine Kalendersoftware es anbietet.

Arbeitgebervorgaben ersetzen nicht die geltenden Vorschriften zu Datenschutz und Barrierefreiheit. Die entsprechenden Pflichten hängen von der Rechtsordnung und den Umständen ab. Hole bei einem Rechtsstreit fachlichen Rat zu den örtlich geltenden Regeln ein, statt dich auf eine allgemeine Interview-Checkliste zu verlassen.

Schütze vertrauliche Informationen bei der Vorbereitung

Nutze möglichst eine öffentliche Stellenbeschreibung und eine anonymisierte Darstellung deiner Erfahrung. Entferne Kundennamen, nicht öffentliche Finanzdaten, Quellcode mit Weitergabebeschränkungen und anderes Material, das du nicht teilen darfst.

Prüfe bei einem grenzüberschreitenden Bewerbungsverfahren den konkreten Dienst und die Vorgaben zum Umgang mit Daten. Gehe nicht davon aus, dass der Standort des Recruiters verrät, wo ein Tool Informationen verarbeitet. Die Erlaubnis, KI zu nutzen, und die Erlaubnis, Arbeitgeberdokumente hochzuladen, sind zwei verschiedene Fragen.

Wenn du eine Antwort nicht weißt

Eine schwierige Frage ist kein Grund, nicht genehmigte Hilfe hinzuzuziehen. Bitte um Präzisierung, erkläre, was du weißt, und benenne die Grenzen deines Wissens.

„Genau dieses System habe ich noch nicht verwendet. In einer ähnlichen Situation würde ich zuerst [relevanter Faktor] prüfen. Könnten Sie präzisieren, ob die wichtigste Einschränkung [A] oder [B] ist?“

Antworte anschließend passend zur Frage, statt deine Unsicherheit als Anlass zu nehmen, ihr auszuweichen. Lies hier, wie du weiterkommst, wenn du eine Antwort im Vorstellungsgespräch nicht weißt.

Häufige Fragen

Darf ich KI nutzen, weil der Arbeitgeber sie auch nutzt?

Daraus ergibt sich keine Erlaubnis. Halte dich an die Bewerberhinweise für die konkrete Auswahlaufgabe und frage bei Unklarheiten nach.

Muss ich angeben, dass ich vorab für mich mit KI geübt habe?

Beachte alle genannten Offenlegungspflichten und beantworte Fragen zu deiner Vorbereitung ehrlich. Gehe nicht davon aus, dass für alle Arbeitgeber und Rechtsordnungen dieselben Offenlegungspflichten gelten.

Wenn KI im Arbeitsalltag genutzt wird, ist sie dann auch im Interview erlaubt?

Daraus folgt keine automatische Erlaubnis. Ein Team kann im Alltag Tools nutzen und bestimmte Fähigkeiten trotzdem ohne diese Hilfsmittel prüfen. Es kann auch eine separate Runde durchführen, die ihren Einsatz ausdrücklich vorsieht.

Übe vor dem eigentlichen Auswahltermin

Mit Lyrras auf die Stelle abgestimmten Probeinterviews kannst du per Text oder Sprache auf Grundlage der Stellenbeschreibung üben und anschließend Feedback durchgehen. Nutze diese Vorbereitung, um die Antworten zu verbessern, die du eigenständig geben kannst. Sie ändert weder die Regeln des Arbeitgebers noch sagt sie die Einstellungsentscheidung voraus.

Die Grenze lässt sich klar ziehen: Kenne die erlaubten Hilfsmittel, schütze das verwendete Material und sei in der Lage, die Arbeit und Erfahrungen zu erklären, die du präsentierst.

Quellen und Prüfung der Richtlinien

Die Arbeitgeberhinweise wurden am 18. Oktober 2026 geprüft: SAP zum ethischen Einsatz von KI im Bewerbungsverfahren; Instacarts Richtlinien zur KI-Nutzung durch Bewerber; und Hinweise für Berufseinsteiger von St. James's Place. Diese Beispiele begründen keine einheitliche Richtlinie für Europa oder Nordamerika. Prüfe die Vorgaben für deine eigene Stelle und Auswahlaufgabe erneut.

Ähnliche Artikel